Die Wahrheit über Dr. Morton / Band 121 „Feuerteufel“

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Quelle: Romantruhe

Vor einiger Zeit habe ich ja mit dem Lesen (und Rezensieren) der Serie Dr. Morton begonnen. Mich hatte das eigenwillige (und sehr interessante) Coverdesign schon länger angesprochen, und die andauernde Kritik an der Serie war schließlich der Auslöser, mal selbst reinzulesen.

Wie in den damals entstandenen Rezensionen nachzulesen ist, hat mir mein Einstieg sehr gut gefallen. Bedingt durch berufliche Gründe kam es aber zu einem Break, da ich mich in andere Projekte einlesen musste. Vergessen habe ich die Serie nie – nur etwas nach hinten geschoben.

Vor Kurzem sah ich dann auf Facebook ein Posting, das das Erscheinen der neuesten Dr. Morton-Bände bekannt gab. Da staunte ich nicht schlecht, denn mittlerweile ist die Serie bei Band 121 angekommen. Da packte mich einmal mehr die Neugierde. Was wohl in der Zwischenzeit in der Serie passiert war?

Also kaufte ich mir Band 121 mit dem Titel Feuerteufel und begann zu lesen. Darüber, dass mich dabei ein regelrechter Schock ereilte, möchte ich in dieser Rezension schreiben.

Wie am Titel schon zu erahnen ist, geht es in diesem Abenteuer um eine Serie von Brandstiftungen, die London heimsuchen. Chefinspector Walter Maugham von Scotland Yard sitzt ganz schön in der Klemme, denn seine Ermittlungen greifen nicht. Sein hämischer Kollege Quester sitzt ihm ganz schön im Nacken, und auch die Presse macht Druck. Wie gut, dass der Chefinspector auf die Hilfe von Dr. Morton und seinem Team setzen kann …

So viel zur Story. Jetzt zu meinem Kulturschock:

1.) Ausgerechnet Dr. Morton hilft dem Yard?!
2.) Dr. Morton hat neben Grimsby und Schwester Barrington noch ein ganzes Team?

Das wollte ich natürlich klären, zumal auch Dr. Morton und William Grimsby mir seltsam verändert vorkamen. Was ist da los im Morton-Kosmos?

Eine kleine Recherche führte mich zurück in die Historie der Geschichte, genauer gesagt in die Zeit ihrer Erstauflage. Dr. Morton war zu dieser Zeit sehr kontrovers, und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indizierte fleißig Abenteuer unseres Lieblingsmediziners. Der Verlag musste also etwas tun. Zu dieser Zeit startete dann die Schwesterserie Der Lord, die im gleichen Kosmos wie Dr. Morton spielt. Zwischen beiden Serien gab es starke Verflechtungen, was letztlich zu einem völlig transformierten Dr. Morton führte.

Wer diesen Schritt nachvollziehen möchte, dem sei besonders Band 80 Das gespaltene Ich der Neuausgabe von Dr. Morton ans Herz gelegt – dort wird dann nämlich Sir Edward eingeführt.

Wenn man um dieses Detail der Serienhistorie weiß, kann man über einen Großteil der Kritik an der Serie nur irritiert den Kopf schütteln. Die vielmals vorgebrachten Argumente wie „Gewaltporno“ o. Ä. verpuffen völlig, wenn man mal einen der Romane nach der Neuausrichtung der Serie liest (das tun sie sowieso, wie ich in meinen früheren Rezensionen dargelegt habe – was ich hier aber nicht zum Thema machen möchte).

Aber was erwartet den Leser nun in Band 121 Feuerteufel? Am ehesten würde ich das Setting als eine Art Die Zwei (Serie mit Roger Moore und Tony Curtis) und Mit Schirm, Charme und Melone bezeichnen: ein temporeiches Krimiabenteuer im London der Siebziger.

Besonders haben mir die profunden Ortsbeschreibungen Londons zu dieser Zeit gefallen. Es fühlte sich zu 100 % so an, als wäre man mit bei der Hatz durch London unterwegs. Langweilig war das Ganze nie. Ein rundherum solides Abenteuer, das mich sehr gut unterhalten hat. Der Autor zeigte dem Leser, was das Team um Dr. Morton alles für Möglichkeiten hatte – was aber in die Handlung perfekt eingebettet war und diese mit vorantrieb.

Wer auch nur irgendeine Zuneigung zu Pulp, Heftromanen oder klassischer Männerliteratur hat, kann und sollte bedenkenlos zu den aktuellen Dr. Morton-Bänden greifen. Ansonsten besteht nämlich die Gefahr, dass er eine sehr eigenständige und originelle Serie verpasst. Ich finde es eine Schande, dass die Serie so unter ihrem völlig falschen Image leidet!

Was nehme ich von der Lektüre mit? Wie schon zwischen den Zeilen herauszulesen ist, freue ich mich, die Details über dieses Stück lebender Heftromangeschichte herausgefunden zu haben.
Dennoch möchte ich an dieser Stelle eine Lanze (auch) für die alte Serie bzw. die Ausgaben der Morton-Neuauflage bis Ausgabe 79 brechen: Ich mag es dunkler, abgründiger und härter. Außerdem gefiel mir die kammerspielartige Atmosphäre, die vor allem durch die Interaktionen zwischen Grimsby und Morton geprägt wurde und nicht so sehr auf ein ganzes „Ensemble“ setzte.

Das ist nur eine Geschmacksfrage. Die Serie bietet für jeden Leser etwas: knallharte und durchaus auch gedankenspielartige Abenteuer der ersten Phase der Serie – und temporeiche, gentlemanartige Abenteuer der zweiten Phase. Es wäre nur schade, sich von den falschen Anschuldigungen vom Lesen abhalten zu lassen!

Henschs Kanon Platz 3: „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell

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Beim Erscheinen im Jahr 2008 löste dieses beinahe 1400 Seiten starke Buch einen Aufschrei aus. Kern des Protests war die Empörung darüber, dass der Zweite Weltkrieg und der Holocaust aus der Perspektive eines Täters dargestellt wurden. Und dann war das auch noch ein Mensch aus Fleisch und Blut, kein Dämon: nachvollziehbar und so lebensecht, dass sich der Leser mit ihm identifizieren kann. Maximilian Aue, so der Name des Protagonisten, scheint einer von uns zu sein: aus der Mitte der damaligen Gesellschaft.

Skandale erzeugen Aufmerksamkeit, was den Buchverkauf fördert, also ist das wohl „gut“. Leider nein. Der Skandal tobte, breitete sich aus und verebbte. Damit geriet dieses Buch praktisch ins Vergessen, was ich sehr bedauere.

Man muss es sagen, wie es ist: Die Wohlgesinnten ist ein Meisterwerk – ein Jahrhundertbuch! Vermutlich ist es der perfekteste Roman, den ich je gelesen habe und damit auch in meinem Kanon.

Fangen wir mit dem Profansten an: Jonathan Littell hat einen Rechercheaufwand betrieben, der diesen Namen verdient. Egal, ob es um Details der damaligen Umgangssprache, den Kriegsverlauf, handelnde Personen oder anderes geht: Littell hat alles wasserdicht recherchiert und exakt im Roman verarbeitet. Das alleine ist für mich beispiellos und respektabel.

Die fast 1400 Seiten des Romans sind niemals langweilig, obwohl sämtliche Details penibel recherchiert wurden. Nie hat man das Gefühl, ein belehrendes Lehrbuch in der Hand zu halten. Stets ist die Lektüre fesselnd und man lernt trotzdem extrem viel. Natürlich ist der Roman keine Gute-Laune-Lektüre, dafür ist das Thema einfach zu ernst. Dennoch bleibt der Roman spannend, was für viele Leser möglicherweise auch problematisch sein könnte: Wir sind es schließlich hierzulande gewohnt, dass Berichte aus dieser Zeit stets moralinsauer, spießig und mit erhobenem Zeigefinger daherkommen müssen.

Die Wohlgesinnten konnte vermutlich von keinem Deutschen geschrieben werden, da wir in einer Formneurose gefangen sind, um nur ja nicht respektlos zu erscheinen. Nun, das ist Littell zu keinem Zeitpunkt. Vielleicht, weil er sich permanent auf das Wichtigste konzentriert: als Autor gute Literatur zu erschaffen.

Grundsätzlich handelt es sich um einen Tatsachenroman. Das bedeutet, es handelt sich um einen Roman, der in die realen Geschehnisse dieser Zeit eingebettet ist. Dr. Maximilian Aue hat es niemals gegeben, die Ereignisse, an denen er teilnimmt, sehr wohl. Teilweise arbeitet Littell mit Techniken des postmodernen Romans. Daraus entsteht eine Ästhetik, die ich niemals zuvor erlebt habe. Auch wenn Littell mittlerweile als Autor nicht mehr sehr präsent ist, handelt es sich um einen der großartigsten Autoren unserer Zeit.

Abschließend sind noch Verhandlungen über Politik mehr als lesenswert. Auch hier bewies der Autor Mut und liefert etwas, das Die Wohlgesinnten für sich allein bereits zu etwas Einzigartigem macht.

Die Wohlgesinnten lässt sich mit einem Wort beschreiben: Perfekt. Mehr braucht es nicht, um diesem monumentalen Werk gerecht zu werden. Dennoch kann man natürlich ausholen: Es ist ein extrem transformatives Werk, das den offenen Leser nicht unverändert zurücklässt. Das ist für mich das Kriterium für außergewöhnliche Literatur!

Die Novelle „Die Leiche“ von Stephen King und deren Verfilmung „Stand by Me – Das Geheimnis eines Sommers“

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Ich bedaure es immer, wenn ich eine Verfilmung vor der Vorlage sehe. Viel zu gerne mache ich mir selbst ein Bild. Auf diese Weise kann ich mich dann auch viel schöner über die Verfilmung aufregen…

Im Fall von Stand by Me liegt mein letzter Kontakt mit dem Film allerdings schon mehr als zehn Jahre zurück, wahrscheinlich sogar eher zwanzig. Natürlich erinnere ich mich noch an die Grundzüge der Handlung, aber es sind viele Lücken entstanden. Die Zeit, die Novelle endlich zu lesen, war gekommen.

Nein, Die Leiche ist keine Horrorstory. Zumindest gibt es weder Monster noch etwas, das sonst zum klassischen Horror gehört. Stephen King erzählt hier eine wunderbar stimmige Coming-of-Age-Geschichte über vier Jugendliche. Es geht um den Übergang von der Kindheit ins Jugendalter. Auch das kann gruselig sein und bei Stephen King ist es das natürlich.

Gordy, Vern, Chris und Teddy wachsen in den USA der frühen Sechziger auf. Vern belauscht ein Gespräch seines Bruders mit einem Freund, in dem es um einen verschwundenen Jungen geht. Bei einem nächtlichen Ausflug hatte der Bruder zufällig die Leiche entdeckt. Da die beiden mit einem gestohlenen Auto unterwegs waren, konnten sie sich nicht an die Polizei wenden.

Mit dem Wissen über den Fundort eilt Vern zu seinen Freunden. Die sind sofort begeistert, denn wenn sie den toten Jungen als Erste offiziell entdecken, hoffen sie auf Aufmerksamkeit in den Medien. Also erfinden sie für ihre Eltern eine harmlose Geschichte (Zelten im Garten eines Freundes) und machen sich auf den Weg.

Soweit die Rahmenhandlung, die bei Novelle und Film praktisch identisch ist. Regisseur Rob Reiner liefert eine gelungene Verfilmung ab, die als zeitlos gelten kann und vermutlich auch noch in zwanzig Jahren mit Vergnügen geschaut wird.

Die Unterschiede zwischen Film und Vorlage wirken zunächst nebensächlich, doch besonders gegen Ende nimmt sich der Film einige Freiheiten. Diese wirken unnötig, glätten den Stoff aber merklich. Das wäre nicht nötig gewesen.

In der Summe macht der Film die Geschichte deutlich zugänglicher für ein jüngeres Publikum, was aus wirtschaftlicher Sicht sicher sinnvoll war – dem Geist der Vorlage widerspricht das allerdings. Die Leiche ist kein Kinderbuch, sondern richtet sich klar an ein erwachsenes Publikum. Dem Film schadet die weichere Erzählweise allerdings nicht. Und wer über das Gesehene hinausdenken möchte, wird vermutlich ohnehin zum Buch greifen.

Interessanterweise gelingt es dem Film über weite Strecken, mit der größten Stärke der Novelle mitzuhalten: nämlich dann, wenn die Kinder auf existenzielle Fragen stoßen und mit ihnen umgehen müssen, während der Erzähler mit einer gewissen Wehmut zurückblickt. Das erinnert fast schon an das, was später als unzuverlässiges Erzählen beschrieben wird.

Spoiler-Warnung

In den folgenden Zeilen spreche ich über den größten Unterschied zwischen beiden Medien, was eine Offenlegung des Endes unvermeidlich macht. Wer die Novelle und den Film noch nicht kennt: bitte jetzt aufhören zu lesen und erst nach dem Genuss von Buch und/oder Film zurückkommen!

Am Ende kommt es zu der Situation, in der Gordy, Teddy, Vern und Chris eben nicht als gefeierte Helden in den Nachrichten auftauchen. Der Film nimmt das einfach hin, während der Erzähler der Novelle genau darüber nachdenkt. Aus seiner Sicht hätte dieses Erlebnis das Leben der vier Jungen nachhaltig positiv verändern können. Ich teile diese Sicht. In der Psychologie nennt man das den Pygmalion-Effekt. Grob gesagt geht es dabei um die Wirkung positiver Erwartungen. Gerade in dieser Phase ihres Lebens (Wechsel von Grundschule zur Oberschule) hätte ein gewisses Maß an öffentlicher Anerkennung ihnen möglicherweise den Rücken gestärkt.

Wie schon unschwer herauszulesen war, kann ich sowohl der Novelle als auch dem Film einiges abgewinnen. Wenn möglich, sollte man jedoch zuerst die Novelle lesen und dann den Film sehen. Schon allein die Besetzung macht den Film sehenswert: Will Wheaton, River Phoenix, Corey Feldman und Jerry O’Connell zusammen in jungen Jahren. Und hatte ich schon erwähnt, dass auch Kiefer Sutherland mitspielt?

Nein, der Film ist ein echtes Juwel und gehört eindeutig zur Sorte „wird heute nicht mehr gemacht“. Dasselbe gilt für die Novelle: Stephen King war selten besser – jedenfalls nicht in den letzten zehn Jahren, und schon gar nicht auf so konzentriertem Raum wie hier auf nur 256 Seiten.

Mein neuer Roman: Circus Obscura

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Neu erschienen: Mein neuestes Abenteuer mit Professor Zamorra „Circus Obscura“

Der Vorhang hebt sich für ein udüsteres Spektakel: „Circus Obscura“, mein brandneuer Roman im Zamorra-Universum ist da!

Diese Geschichte eignet sich hervorragend für alle auch für Neulinge, die bisher noch keinen Fuß in die Welt von Professor Zamorra gesetzt haben. Vorkenntnisse? Nicht nötig!

Dafür wird’s im Inneren umso intensiver: Ein geheimnisvoller Gegner fordert Zamorra bis an seine Grenzen und darüber hinaus. Die Bedrohung ist real, der Einsatz hoch, und das Unfassbare scheint greifbar nah.

Bereit für den Ritt auf dem Drahtseil zwischen Magie, Wahnsinn und Wirklichkeit? Willkommen im Circus Obscura.

Copyright: Bastei Lübbe

HENSCHS KANON PLATZ 2: UNTER NULL VON BRET EASTON ELLIS

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Bret Easton Ellis hat mich wie kaum ein anderer Schriftsteller beeinflusst – sei es mit American PsychoThe Shardsoder eben mit Unter Null. Vielleicht wird sich deshalb noch ein weiteres seiner Bücher in diesem Kanon wiederfinden. Wer weiß?

Unter Null ist Ellis’ Debütroman und erreicht dennoch einen derart hohen Grad an Perfektion, dass es beinahe beängstigend ist.

Worum geht es? Die Achtziger, L.A., schöne, junge und reiche Menschen, Drogen, Gleichgültigkeit. Clay studiert an einer Universität und kehrt zu den Feiertagen in seine Heimat und zu seiner alten Clique zurück. Natürlich hat sich während seiner Abwesenheit einiges verändert – und nicht zuletzt sind die Abgründe tiefer geworden. Wer Nihilismus in seiner reinsten Form erleben will, findet ihn in diesem Roman.

Ich habe in meinem Leben nicht gerade wenig gelesen – sonst wäre mir die Idee zu „Henschs Kanon“ wohl nie gekommen. Horror, Grusel und Splatter standen von jeher in meinem Bücherregal; ich bin also keinesfalls zartbesaitet. In Unter Null ist Bret Easton Ellis jedoch etwas gelungen, was bislang keinem anderen Autor gelungen ist: Ich habe gelernt, den Protagonisten Clay abgrundtief zu hassen. Für mich ist er ein noch größeres Ungeheuer als der Poser Patrick Bateman in American Psycho.

Gleichzeitig ist Unter Null ein wunderschöner Roman, der die Leser in eine kalte Neonwelt hineinzieht und uns unsere eigene Gleichgültigkeit vor Augen hält. Liegt es vielleicht genau daran, dass ich Clay nicht ausstehen kann? Wer weiß …

Schon in seinem Erstlingswerk gelingt es Ellis, ein perfektes Gesellschaftsporträt zu zeichnen. Wie in American Psychoerkennt er Trends, die sich erst ein Jahrzehnt später voll entfalten: zum Beispiel die sensationslüsterne Gier der Menschen, die sie zunächst in Realityshows und später in Social-Media-Feeds stillen.

Unter Null ist ein zu Unrecht ziemlich vergessenes Werk von Bret Easton Ellis. Das sollten wir ändern!

Henschs Kanon Platz 1: Unter Wilden von Dirk Wittenborn

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„Henschs Liste“ muss natürlich mit einem Titel beginnen und das ist ganz klar „Unter Wilden“ von Dirk Wittenborn. Es ist mein erklärtes Lieblingsbuch und muss deshalb an dieser Stelle platziert sein. Wenn es einen „wertenden“ Unterschied in diesem Kanon gibt, dann besteht er zwischen diesem ersten Platz und allen folgenden Werken. 

Ich habe „Unter Wilden“ mehrfach innerhalb mehrerer Jahre Abstand gelesen und werde es auch weiterhin tun. Es ist exakt auf die Weise geschrieben, dass man vergisst, überhaupt einen Text zu lesen. Dennoch ist es ganz und gar kein Gute-Laune-Buch, das man einfach so wegliest. Es stellt beiläufig existenziellste Fragen über das Leben und fordert den Leser zum Mitdenken auf. Was wollen Menschen, die längst alles besitzen?

Die Geschichte ist spannend und man fühlt mit den glaubwürdig geschilderten Charakteren mit, auch wenn man die Story längst kennt. Nie ist das Buch laut, selbst wenn es dramatisch wird. Der Erzählstil ist kunstvoll minimalistisch und lässt Raum für eigene Spekulationen.

Aber worum geht es? Der Junge Finn Earl schafft dank seiner Mutter den Aufstieg aus prekärsten New Yorker-Verhältnissen in die Welt der absolut Superreichen. Wie das geschieht, möchte ich an dieser Stelle nicht thematisieren, da dies zu viel vorwegnehmen würde. Doch auch dort ist mitnichten alles eitel Sonnenschein. Ob er sich in diesem Haifischbecken behaupten kann?

Im Grunde handelt es sich bei „Unter Wilden“ um einen klassischen Bildungsroman. Irgendwo wurde geschrieben, dass es sich um den „Fänger im Roggen“ der 2000er Jahre handeln würde. Dem kann ich nur bedingt zustimmen, denn „Unter Wilden“ ist viel zu eigenständig, als dass es sich nur um ein Update handeln würde.

Thema des Buches ist unsere Gemeinschaft und die Rolle der Superreichen. Parabelhaft vergleicht das Buch gerade diesen Teil unserer Gemeinschaft mit einem wilden Stamm am Amazonas und das Ergebnis Macht nachdenklich. 

Der Roman wurde leider verfilmt. Leider, obwohl es sich um eine gute Verfilmung mit Donald Sutherland in Bestform handelt. Verfilmungen haben nämlich für gewöhnlich zur Folge, dass Romane vom Markt verschwinden – die Verlage können oder wollen nicht mehr die exorbitant gestiegenen Lizenzgebühren zahlen. Deshalb ist „Unter Wilden“ nur noch antiquarisch als Hardcover und Taschenbuch erhältlich.

Obwohl eine Verfilmung existiert, hat der Roman nicht die Aufmerksamkeit gefunden, die ihm zusteht. Das Leben ist eben nicht gerecht, was auch ein Thema des Buches ist. 

Henschs Kanon: Eine Aufstellung von Büchern, die ich existenziell wichtig finde

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Vor sehr langer Zeit hat es die Süddeutsche Zeitung gemacht, später Die Zeit, Dennis Scheck und in letzter Zeit gleich zweimal Der Spiegel: Alle haben sie einen Kanon aufgestellt. Neben offensichtlich extrem wichtigen literarischen Werken (zum Beispiel Ulysses von James Joyce, Der Zauberberg von Thomas Mann oder Anna Karenina von Leo Tolstoi) finden sich darin auch Werke, die aus politischen Gründen aufgenommen wurden und deren literarische Qualität vielleicht fragwürdig ist. Ein Kanon ist und bleibt immer subjektiv.

Genau aus diesem Grund werde auch ich einen Kanon erstellen: einen Kanon von Romanen (und vielleicht einigen Novellen), die mich berührt haben und die ich deshalb für erwähnenswert halte.

Die Besprechungen werden in loser Folge hier auf dieser Website unter der Rubrik/Kategorie „Henschs Kanon“ erscheinen. Vielleicht liest es ja jemand – andernfalls dient es zumindest dazu, diese Meisterwerke in meinem Gedächtnis präsent zu halten.

Der Preis des Schlafens

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Von mir, zum Nachdenken

Seit Anbeginn der Zeit bin ich da. Ich verändere mich, doch verschwinde nie. Als Teil eurer DNA könnt ihr mich nicht verleugnen. Ihr glaubt, ihr hättet mich bezwungen – und doch kehre ich immer zurück.

Man verwechselt mich mit Wut, mit Hass, mit Arroganz. Doch ich bin mehr. Ich nutze sie – aber sie sind nicht mein Wesen. Mein Herz ist kalt, meine Natur gleichgültig. Mir ist es egal, warum ich verschlinge. Fressen, fressen, fressen – das ist alles, was ich will.

Eure Anführer wiegen euch in Sicherheit. Sie flüstern von Frieden, während sie die Trommeln rühren. Und ihr? Ihr folgt, blind wie immer. Jahrzehnte vergehen, dann erinnern sie sich an mich. Sie rufen mich herbei, als wäre ich eine Lösung, ein Werkzeug für ihre angeblich komplexen Probleme. Und wenn der Moment gekommen ist, blasen sie die Hörner, hetzen euch auf, bis ihr mich im Herzen tragt.

Dann saufe ich Blut. Zerreiße Körper. Brenne ganze Städte nieder. Am Ende ist das Gejammer groß, die Überlebenden schreien nach Erklärungen – doch dann ist es zu spät.

Und doch… sie werden es wieder vergessen. Sie werden den nächsten Rattenfängern folgen. Und dann werde ich wiederkommen.

Denn ich bin… der Vater aller Dinge.

Das Ende einer langen Suche

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Vielleicht hat jeder Mensch etwas, wonach er sucht und was ihn manchmal nachts nicht schlafen lässt. Kapitän Ahab hatte Moby Dick, Odysseus den Weg in seine Heimat und Frodo Beutlin den Ring. Zugegeben, im Vergleich zu diesen Beispielen ist mein Gegenstand regelrecht gewöhnlich. Und trotzdem hat er mich fast 30 Jahre beschäftigt. In diesem Artikel erkläre ich, worum es sich handelt und wie ich meine Suche schlussendlich erfolgreich abschließen konnte.

Es war 1997, also vor nicht weniger als 28 Jahren. Meinem Opa ging es nicht so gut, er musste in eine Fachklinik im Westerwald eingewiesen werden. Wir haben ihn dort regelmäßig besucht, wie man das eben so macht.

In seinem Krankenzimmer gab es eine Zeitschriftenablage, die mit dem „Weltbild Magazin“ ausgestattet war. Da das Krankenhaus in kirchlicher Trägerschaft war und die Kirche auch irgendwie mit dem Weltbild Verlag verbunden war, liegt der Schluss nahe, dass das Magazin vom Krankenhaus ausgelegt wurde.

Ich war damals schon eine Leseratte, und in dem Magazin wurden neue Bücher vorgestellt sowie Interviews mit Autoren abgedruckt. Damit konnte ich mir die Krankenhausbesuche verkürzen, wenn mein Opa zur Untersuchung musste.

Jedenfalls gab es einige interessante Artikel, unter anderem auch über das Schreiben selbst. Ein Interview samt Buchvorstellung tat es mir aber ganz besonders an. Es war der Debütroman eines jungen englischsprachigen Autors, in dem ein älterer Mann seinem Sohn von seinem Leben erzählt. Das hört sich nicht sonderlich spannend an, aber oft geht es neben dem Inhalt ja gerade auch um die Form. Außerdem gab der Autor sehr tiefgründige Antworten.

Nun sind Krankenhausbesuche nicht wirklich für ihren wohltuenden oder entspannenden Charakter bekannt. Oftmals sind sie eher stressig und sorgenbeladen. So auch in dieser Episode. Das muss der Grund sein, weshalb ich mir weder den Autor noch den Titel des Romans notiert habe.

Seit dieser Zeit habe ich das Buch nie vergessen. Siebenundzwanzig Jahre später ist mein Großvater leider längst verstorben, und ich bin kein junger Mann mehr. Trotzdem musste ich immer wieder an diesen Roman denken. Wenn du magst, kannst du ja versuchen, ob du das Buch erraten kannst:

  • Erscheinungsjahr ca. 1993–1997 (genauer kann ich es nicht sagen, da die Zeitschrift, in der es vorgestellt wurde, vor 1997 erschienen sein könnte)
  • Debütroman eines jüngeren englischsprachigen Autors
  • Es geht um einen älteren Mann, der einem jüngeren Mann (oder Sohn) sein Leben erzählt

Mehr Informationen hatte ich nicht.

Zuerst habe ich vergeblich versucht, an Ausgaben des Weltbild Magazins aus der betreffenden Zeit zu gelangen. Offensichtlich gab es kaum Sammler. Als Nächstes habe ich bei Weltbild nachgefragt, ob die Ausgaben digitalisiert wurden oder noch Exemplare vorhanden wären – Fehlanzeige. Es folgten Recherchen über den Katalog der Deutschen Nationalbibliothek, das Verzeichnis antiquarischer Bücher und weitere Suchen in Onlineverzeichnissen. Auch hier wurde ich nicht fündig.

Dann widmete ich mich YouTube und versuchte, über Sendungen wie das „Literarische Quartett“ aus dieser Zeit fündig zu werden. Dabei fand ich fast nur die erfolgreichsten Autoren der betreffenden Zeit, was überhaupt nicht half. Außerdem hatte ich das Buch in dieser Weise auch gar nicht in Erinnerung.

Mit ChatGPT habe ich dann einen weiteren Anlauf gewagt, was aber nicht zielführend war. Das kann diese App einfach nicht. Egal, was ich probiert habe – es führte in eine Sackgasse. Mit der Zeit habe ich mich damit abgefunden, dass es wohl Informationen gibt, die für immer verloren sind. Dieser Roman gehörte wohl auch dazu.

Trotzdem wollte ich nicht aufgeben, aber ich änderte meine Herangehensweise. Wenn dieser Autor mit seinem Debüt erfolgreich war, dann bestand doch auch die Wahrscheinlichkeit, dass er noch weiter aktiv war.

Deshalb kümmerte ich mich jetzt um die Bestsellerlisten der jeweiligen Jahre. Das war dann die absolut heillose Suche im Heuhaufen – leider völlig sinnlos. Zu viele Daten, zu wenig Anhaltspunkte.

Irgendwie schwirrte mir im Kopf herum, dass der Autor des gesuchten Romans vorher mal einen Literaturpreis für eine Kurzgeschichte bekommen hatte. Was lag also näher, als mir die Listen mit Preisträgern anzusehen? Das Problem dabei: Welche Preise kamen dafür infrage, und wie weit musste ich zurückgehen? Außerdem bewegte ich mich langsam aber sicher auf die Zeit vor dem Internet zu. Damit reduzierte sich die Wahrscheinlichkeit, überhaupt etwas im WWW zu finden. Und so war’s auch… Auch diese Suche führte geradewegs ins Nichts.

Wieder war ich an einem zumindest vorläufigen Ende angekommen. Wieder musste ich an die Hefte des Weltbild Magazins denken, aber die waren einfach nicht zu bekommen. Also beschloss ich, die Sache erstmal zu den Akten zu legen. Vielleicht ergab sich irgendwann etwas.

Kürzlich sah ich mir das Programm der diesjährigen Lit.Cologne an. Ein Teil der Auftritte würde erst im Februar veröffentlicht werden, aber ein Teil war schon da. Die Ex-Kanzlerin präsentierte ihre Biografie vor ausverkauften Rängen, irgendjemand veranstaltete ein Panel zu Justus Jonas, und ein paar Comedians steuerten auch einen Auftritt bei. Dann stolperte ich über „Twist – Colum McCann und Jan-Gregor Kremp über eine Eskalation auf hoher See“ und stutzte. Das Foto von Colum McCann kam mir irgendwie vertraut vor. Wo sollte ich ihn einordnen? Hatte ich mal etwas von ihm gelesen? Ich konnte mich nicht recht erinnern und scrollte weiter. Drei Veranstaltungen später scrollte ich noch mal hoch.

Der Autor trug eine (mehr oder minder) Glatze mit silbrig-dunklem Haarkranz. Das Gesicht sagte mir aber etwas. Colum McCann, dachte ich. Ein relativ einfacher, englischer Name… Er war jetzt 59 Jahre alt. Ende der Neunziger war er dann irgendwas um die Dreißig… Okay, er war durchaus ein potenzieller Kandidat für den gesuchten Autor. Aber war das nicht völlig verrückt?

Ich betrachtete erneut das Bild. Der Haarkranz war definitiv dunkel. Der Autor im Weltbild Magazin hatte volle dunkle Haare gehabt. Männer verlieren im Laufe der Zeit Haare. Davon kann ich ein Lied singen, aber das ist ein anderes Thema.

Ich zögerte, Wikipedia aufzurufen. War meine Suche jetzt zu Ende? Sollte die jahrzehntelange Suche durch einen Zufallstreffer mit Erfolg belohnt werden?

Natürlich habe ich nachgesehen. Sein Debüt „Sundogs“ (1995) wurde 1997 in Deutschland unter dem Titel „Der Gesang der Kojoten“ veröffentlicht. Und es geht um einen Vater, der seinem Sohn in Gesprächen von seinem Leben berichtet. Außerdem hat er 1994 den Rooney-Preis für irische Literatur gewonnen.

Das passte einfach zu gut. Aber war jetzt Colum McCann der gesuchte Autor? Bei YouTube fand ich einen Fernsehbeitrag des SWR über McCanns Buch „Der Himmel unter der Stadt“ und fuhr regelrecht zusammen: Volles dunkles Haar, zweifellos der gesuchte Autor!

BAMM!

Ich kann gar nicht sagen, wie ich mich jetzt fühle. Natürlich bin ich glücklich – ich habe meinen „Weißen Wal“ erlegt. Aber ich bin auch verwirrt: Wie selektiv nehme ich eigentlich die Welt wahr? Sämtliche Bücher von Colum McCann sind mindestens interessant für mich – weshalb ist er außerhalb meines Fokus geblieben?

Ich habe mir „Der Gesang der Kojoten“ sofort bestellt. Als Hardcover. In mir ist eine ziemliche Spannung: Was ist, wenn ich das Buch furchtbar finde? Habe ich dann jahrelang sinnlos ein Phantom gejagt?

Trotzdem fühlt es sich auf fast magische Weise richtig an. Vielleicht ist das ja auch eine Art Zeichen, dass ich jetzt auf meine ursprüngliche Lebenslinie zurückgekehrt bin? Selbst wenn ich den Stil furchtbar finden sollte, es mich langweilt oder ich davon abgestoßen werde – ich werde diesen Roman lesen, weil ich es einfach muss!

Vielleicht hört es sich kindisch und vermessen an, aber diesen Roman werde ich mit einer Widmung für mich selbst, die 28 Jahre und die Menschen, die mich dabei begleitet haben, versehen. Die Suche nach dem Roman und seinem Autor hat mich natürlich nicht wie Odysseus oder Frodo beansprucht. In dieser Zeit gab es aber viele Ziele, die ich glaubte, erreichen zu müssen. Kein einziges davon war an sich auch nur einen Cent wert und gleichzeitig waren sie allesamt unbezahlbar, denn sie haben mich zu mir selbst geführt.

Auch wenn es paradox anmutet – am Ende war es eine Rundstrecke. Aber ich musste den Umweg machen, um die Dinge wirklich auf allen Ebenen zu verstehen. Jetzt bin ich angekommen und brauche keinen Moby Dick mehr. Was aber nicht bedeuten soll, dass ich einer guten Jagd abgeneigt wäre – aber nicht wegen des Ziels, sondern ihrer selbst.