Was ist mit Lewis Hamilton?

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Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Lewis_Hamilton#/media/Datei:Lewis_Hamilton_2017_Malaysia.jpg

Lewis Hamilton ist 2021 nicht Weltmeister geworden. Das alleine ist in der Hybrid-Ära der Formel 1 schon eine echte Sensation. Im letzten Rennen der Saison kam es zu einigen Zwischenfällen, die allesamt für sich genau das waren, was den Sport interessant macht: Thrill, Kick, Unwägbarkeiten – das Salz in der Suppe.
Nach dem Rennen gab sich Hamilton ganz großer Sportsmann, gratulierte Max Verstappen und alles schien gut. Das währte leider nur sehr kurz, denn Mercedes kündigte Protest gegen das Ergebnis an. Darüber ist schon sehr viel geschrieben worden, deshalb belasse ich es dabei. Nur so viel: Der Protest hatte keinen Erfolg.

Auf der Gala der FIA fehlte dann ausgerechnet Lewis Hamilton, obwohl seine Teilnahme laut Reglement verpflichtend war und sowieso aus Respekt gegenüber Weltmeister Max Verstappen geboten gewesen wäre. Kurz darauf löschte Hamilton dann auf seinem reichweitenstarken Instagram Account sämtliche Verbindungen, auch die zu Mercedes und los ging es mit dem großen Spekulieren: Will Lewis Hamilton etwa aufhören?

In dieser Woche spitzte sich dann die Lage zu, denn die FIA hatte angekündigt, eine informelle Untersuchung der Vorfälle durchzuführen. Es sollte nicht mehr um die Frage gehen, ob man Verstappen den Titel aberkennen sollte. Vielmehr ging es um das Verhalten von Rennleiter Michael Masi und seines Stabs. Schon früh geisterte ein Gerücht durch die Welt, das von einem Deal zwichen Mercedes und der FIA handelte: Michael Masi und der technische Beigeordnete sollten angeblich gefeuert werden. Zwischen den Zeilen stand dann geschrieben, dass Lewis Hamilton mit dieser Lösung einverstanden sei (vorher wurde kolportiert, er hätte das Vertrauen in die FIA verloren). MGP Teamchef Toto Wolff ließ verlautbaren, dass der Rücktritt von Hamilton ein Armutszeugnis für die ganze Formel 1 wäre. BAM!

Die BBC wollte erfahren haben, dass Lewis Hamilton seine Entscheidung über einen Verbleib in der Königsklasse vom Ergebnis der Untersuchung abhängig machen wollte. Zu diesem Zeitpunkt ging jedoch alle Welt davon aus, dass die FIA bereits am vergangenen Freitag zu einem Ergebnis kommen würde. Somit wäre denn noch genug zeitlicher Abstand für alle Optionen gewesen. Der Druck lastete nun allein auf den Verantwortlichen der FIA, während Hamilton und Mercedes sich genüsslich zurücklehnen konnten.

Die FIA ist jedoch definitiv kein Amateurclub. Anstelle sich am Nasenring vorführen zu lassen, drehte der Verband den Spieß einfach um. Anstelle bereits frühzeitig ein Ergebnis der Untersuchung zu präsentieren, vertagte man die Entscheidung auf den achtzehnten März – also genau zwei Tage vor dem ersten Rennen der neuen Saison in Bahrain!
Auf diese Weise minimierte man den Spielraum von Hamilton, denn ein Ausstieg so kurz vor der neuen Saison dürfte völlig ausgeschlossen sein…

Leider verdichten sich die Anzeichen für einen Rausschmiss von Michael Masi (Stand 15.01.2021), so soll sein Name angeblich aus den entscheidenden Stellen in einem onlineverfügbaren Organigramm der FIA bereits getilgt worden sein. Ich würde das aus zweierlei Gründen bedauern: Masi hat eine grandiose Leistung gezeigt. Zahlreiche Journalisten haben bestätigt, dass ähnliche “Verhandlungen” auch mit Masis Vorgänger Charlie Whiting an der Tagesordnung waren. Was im letzten Rennen passiert ist, war sicherlich in einer Grauzone, aber kein “Raub”. Hätte Masi sich anders entschieden, wären die gleichen Vorwürfe (mit umgekehrten Vorzeichen) aus der Richtung von Red Bull gekommen. Sport lässt sich nicht durchreglementieren, damit hat gerade die FIA und die Formel 1 leidliche Erfahrungen gesammelt. Genau so werte ich auch seinen Ausspruch “It`s called a motor-race!” Und genau das will ich als Fan sehen, keine Butterfahrt und keine Anwälte in Rennwagen!

Ich würde mir wünschen, dass Lewis Hamilton aus der Formel 1 aussteigt. Ich bescheinige ihm durchaus ein außergewöhnlich großes Talent, was ja auch durch beeindruckende sieben Weltmeistertitel dokumentiert wird. Mich nervt der gute Lewis aber nur noch: Das ständige Geheule um seine Reifen, wenn etwas nicht nach seinem Willen geht oder wenn er sich über andere Fahrer beschwert. Neben seinen sportlichen Erfolgen verleihe ich ihm auch den Titel der unangefochteten Dramaqueen. Aus irgendeinem Grund wurde Hamilton aber zum Schutzheiligen der Formel 1 ernannt, der niemals unfair fährt und immer, wirklich immer regelkonform agiert. An dieser Stelle möchte ich an Fernando Alonso erinnern, der die These der “British Bias” in der Formel 1 populär gemacht hat. Vielleicht liegt es daran, dass Hamilton ein britischer Fahrer ist (und Verstappen nicht). MGP ist auf dem Papier ein deutsches Team (eines deutschen Automobilherstellers), das aber seinen Sitz in Brackley hat. Das sollten genug Argumente für die einflussreiche, britische Motorsportpresse sein…

An dieser Stelle möchte ich mit einer Prognose enden: Lewis Hamilton wird auch 2022 noch für Mercedes Rennen fahren. Vielleicht holt er sogar seinen achten Weltmeistertitel, letztlich spielt es keine Rolle. Ich glaube aber viel eher, dass die Reglementänderungen für eine Überraschung sorgen könnten. Es gab ja immer Teams (wie besonders auch MGP in den letzten Jahren), die auf “magische” Weise dichter am neuen Reglement drin waren als andere Mitbewerber. Ferrari fuhr in den letzten Jahren drastisch hinterher, was bei diesem Team ein ganz besonderes Geschmäckle hat. Fiat wird sich das nicht ewig ansehen, so viel dürfte sicher sein. Ich gehe davon aus, dass man den “Zauberstab” vielleicht dieses Jahr in Maranello am effektivsten geschwungen hat – es will doch sicher niemand, dass eines der Gründungsteams aus der Formel 1 verschwindet (auch wenn es kein britisches ist;-)).

Was das mit Lewis Hamilton zu tun hat? Ich gehe davon aus, dass er nicht am Zenit seiner Laufbahn ausscheiden wird, wenn er jetzt weiterfährt. Weiter oben schrieb ich, dass Weltmeistertitel eigentlich egal sind – dazu stehe ich auch jetzt noch. Aber kann sich Lewis Hamilton noch motivieren, wenn er zu Positionen im Mittelfeld verdammt ist?


Stefan Hensch ist Autor. Er schreibt Pulp, Heftromane und was ihm sonst in den Sinn kommt. Seine Leidenschaften sind Kaffee und Formel 1. Wenn Sie keine Artikel verpassen wollen, senden Sie eine E-Mail zum Abonnement eines Newsletters an: info (@) stefanhensch.de