
Am 10. April 1925 erschien F. Scott Fitzgeralds „Der große Gatsby“ erstmalig und begeistert seitdem seine Leser. Natürlich liegt das an der existenziellen Wichtigkeit des Buches, seinen beinahe lyrischen Passagen und seiner Vielschichtigkeit.
So manches Buch beeindruckt Kritiker und Literaturwissenschaft über einen solchen Zeitraum. Wenn dies einem Roman auch bei seinen Lesern gelingt, dann handelt es sich um ein außergewöhnliches Werk.
Aus diesem Grund hat sich der Manesse-Verlag zu einem ganz besonderen Geschenk für die Fans von Fitzgeralds „Great American Novel“ entschlossen: Zum 100. Geburtstag von „Der große Gatsby“ gab der Verlag eine Neuübersetzung durch Bernhard Robben in Auftrag.

Ebenso wurde ein großer Anhang mit Anmerkungen, Korrespondenz, Rezensionen und Essays sowie einem Personenglossar, einer Zeittafel und ein Nachwort hinzugefügt. Veröffentlicht wurde es als edles Hardcover. Das Cover erinnert in seinem Blau an das Originalcover von 1925 und wer möchte, kann auch Dr. Eckleburgs Augen in zwei stilisierten Buchstaben erkennen.
Braucht es diese Ausgabe? Jeder Gatsby-Enthusiast kann das aus dem Stegreif beantworten: Aber selbstverständlich! Aber auch Leser, die das Buch noch gar nicht kennen oder bereits einmal gelesen haben, kann man mit ganz handfesten Argumenten für die Anschaffung dieser tollen Ausgabe versorgen: Es gibt zwar bereits im Handel erhältliche Hardcover-Ausgaben, aber die Manesse-Ausgabe entspricht viel mehr diesem Klassiker der Weltliteratur als z. B. die Diogenes-Ausgabe. Natürlich ist das eine ästhetische Frage und damit abhängig vom persönlichen Geschmack.
Als nächstes müssen die enthaltenen Briefwechsel und die Essays ins Feld geführt werden. Durch dieses Plus wird dem Leser Fitzgeralds Tragik bewusst.
Meine ganz persönliche Meinung ist, dass Fitzgerald zwar mittlerweile zu den Klassikern der Weltliteratur gezählt wird, seine wahren Leistungen aber noch gar nicht bekannt sind. Leider steht diese Meinung im krassen Widerspruch zu dem, was der große Literat nach dem Erscheinen des Romans erlebt hat, denn der Markt reagierte verhalten auf den Gatsby. Dies bekommt der Leser quasi live über die Korrespondenzen mit Maxwell Perkins oder Kritiken mit. Hier fühlt es sich so an, als wäre ich live dabei.
Es tat mir fast körperlich weh, als der Ausnahmeschriftsteller Schreibtipps von jemandem erteilt bekam, der zu diesem Zeitpunkt selbst noch keinen Roman verfasst hatte und dessen Name heute längst in Vergessenheit geraten ist.
Auch Ernest Hemingway kommt zu Wort. Hemingway verband eine äußerst ambivalente Beziehung mit Fitzgerald, was man auch in ihren Briefen erspüren kann. Weiterhin thematisiert Hemingway einen weiteren Aspekt an „Der große Gatsby“, über den ich gar nicht nachgedacht hatte – das Cover der amerikanisch-originalen Ausgabe. „Celestial Eyes“ stammt vom spanischen Maler Francisco Cugat und wurde 1924 veröffentlicht. Aus dem Jahr 2026 betrachtet, ist es ein geniales Motiv; kann man dort zwei Augen erkennen, die gut und gern Dr. Eckleburg gehören könnten. Laut Hemingway gefiel ihm das Cover allerdings gar nicht und das kann man nachvollziehen, wenn man die übliche Coverart dieser Zeit vergleicht.
Heute wissen wir, dass es gerade das Cover sein kann, das eine Kaufentscheidung massiv beeinflusst. Man kann also den Standpunkt vertreten, dass „Celestial Eyes“ schlicht zu progressiv für die amerikanische Gesellschaft der Zwanziger war. Vielleicht hatte also das Cover maßgeblich damit zu tun, dass „Der große Gatsby“ anfänglich kein Bestseller war und Fitzgerald selbst nichts von seinem Erfolg ahnte, als er 1940 gestorben ist. Dieser Zusammenhang wäre mir ohne die Ausgabe des Manesse-Verlags nicht aufgefallen.
Am Ende hat die Neuübersetzung lediglich ein „Problem“, das sich auf einen Namen reduzieren lässt: „Lutz-W. Wolff“. Lutz-W. Wolff ist neben Bernhard Robben einer der beschlagensten und besten literarischen Übersetzer in Deutschland und hat „Der große Gatsby“ 2011 übersetzt. Um es gleich zu sagen: Diese beiden genialen Fassungen kann man einfach nicht gegeneinander ausspielen und das sollte man auch nicht. Ein Vergleich ist sicherlich möglich, jedoch nicht qualitativer Natur. Ich sehe die Stärken von Bernhard Robben vor allem in der Rollenprosa. Er schafft es, den Leser zweifellos erkennen zu lassen, dass es Daisy ist, die in der direkten Rede spricht. Oder Gatsby oder Tom. Der Leser benötigt keinerlei Redebegleitsätze. Selbstverständlich beherrscht das auch Lutz-W. Wolff, aber nicht ganz so auf dem gleichen Niveau. Dafür gefallen mir seine Beschreibungen von Tätigkeiten und Vorgängen etwas besser – er ist gewissermaßen etwas praktischer als Bernhard Robben. Was ich damit sagen will? Beide Übersetzungen befinden sich extrem dicht an der Perfektion – besser geht es einfach nicht und doch unterscheiden sie sich in Details. Sie zeigen Facetten eines genialen Meisterwerks. Wer die Robben-Übersetzung kennt, sollte auch die Wolff-Übersetzung lesen und umgekehrt.
Auch nicht unerwähnt bleiben soll die schöne Karte, die von Sophie Esslinger stammt und im Vorsatz ihren Platz findet. Dank ihr kann man sich gerade die Orte auf Long Island besser vorstellen und die „Magic“ des grünen Lichts sehr gut nachvollziehen. Die Neuausgabe verdeutlicht einmal mehr, dass „Der große Gatsby“ kein Roman ist, den man einfach liest und wieder aus der Hand legt. Ganz im Gegenteil, auch das findet der geneigte Leser in den Korrespondenzen bestätigt – wer dieses Meisterwerk gelesen hat, möchte gleich wieder von vorne anfangen. Ein genialer Roman, der in der Ausgabe vom Manesse Verlag so richtig zur Geltung kommt!
Diese Buchbesprechung muss als bezahlte Werbung ausgewiesen werden, da mich Manesse freundlicherweise mit einem Rezensionsexemplar unterstützt hat:
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