
Quelle: Romantruhe
Vor einiger Zeit habe ich ja mit dem Lesen (und Rezensieren) der Serie Dr. Morton begonnen. Mich hatte das eigenwillige (und sehr interessante) Coverdesign schon länger angesprochen, und die andauernde Kritik an der Serie war schließlich der Auslöser, mal selbst reinzulesen.
Wie in den damals entstandenen Rezensionen nachzulesen ist, hat mir mein Einstieg sehr gut gefallen. Bedingt durch berufliche Gründe kam es aber zu einem Break, da ich mich in andere Projekte einlesen musste. Vergessen habe ich die Serie nie – nur etwas nach hinten geschoben.
Vor Kurzem sah ich dann auf Facebook ein Posting, das das Erscheinen der neuesten Dr. Morton-Bände bekannt gab. Da staunte ich nicht schlecht, denn mittlerweile ist die Serie bei Band 121 angekommen. Da packte mich einmal mehr die Neugierde. Was wohl in der Zwischenzeit in der Serie passiert war?
Also kaufte ich mir Band 121 mit dem Titel Feuerteufel und begann zu lesen. Darüber, dass mich dabei ein regelrechter Schock ereilte, möchte ich in dieser Rezension schreiben.
Wie am Titel schon zu erahnen ist, geht es in diesem Abenteuer um eine Serie von Brandstiftungen, die London heimsuchen. Chefinspector Walter Maugham von Scotland Yard sitzt ganz schön in der Klemme, denn seine Ermittlungen greifen nicht. Sein hämischer Kollege Quester sitzt ihm ganz schön im Nacken, und auch die Presse macht Druck. Wie gut, dass der Chefinspector auf die Hilfe von Dr. Morton und seinem Team setzen kann …
So viel zur Story. Jetzt zu meinem Kulturschock:
1.) Ausgerechnet Dr. Morton hilft dem Yard?!
2.) Dr. Morton hat neben Grimsby und Schwester Barrington noch ein ganzes Team?
Das wollte ich natürlich klären, zumal auch Dr. Morton und William Grimsby mir seltsam verändert vorkamen. Was ist da los im Morton-Kosmos?
Eine kleine Recherche führte mich zurück in die Historie der Geschichte, genauer gesagt in die Zeit ihrer Erstauflage. Dr. Morton war zu dieser Zeit sehr kontrovers, und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indizierte fleißig Abenteuer unseres Lieblingsmediziners. Der Verlag musste also etwas tun. Zu dieser Zeit startete dann die Schwesterserie Der Lord, die im gleichen Kosmos wie Dr. Morton spielt. Zwischen beiden Serien gab es starke Verflechtungen, was letztlich zu einem völlig transformierten Dr. Morton führte.
Wer diesen Schritt nachvollziehen möchte, dem sei besonders Band 80 Das gespaltene Ich der Neuausgabe von Dr. Morton ans Herz gelegt – dort wird dann nämlich Sir Edward eingeführt.
Wenn man um dieses Detail der Serienhistorie weiß, kann man über einen Großteil der Kritik an der Serie nur irritiert den Kopf schütteln. Die vielmals vorgebrachten Argumente wie „Gewaltporno“ o. Ä. verpuffen völlig, wenn man mal einen der Romane nach der Neuausrichtung der Serie liest (das tun sie sowieso, wie ich in meinen früheren Rezensionen dargelegt habe – was ich hier aber nicht zum Thema machen möchte).
Aber was erwartet den Leser nun in Band 121 Feuerteufel? Am ehesten würde ich das Setting als eine Art Die Zwei (Serie mit Roger Moore und Tony Curtis) und Mit Schirm, Charme und Melone bezeichnen: ein temporeiches Krimiabenteuer im London der Siebziger.
Besonders haben mir die profunden Ortsbeschreibungen Londons zu dieser Zeit gefallen. Es fühlte sich zu 100 % so an, als wäre man mit bei der Hatz durch London unterwegs. Langweilig war das Ganze nie. Ein rundherum solides Abenteuer, das mich sehr gut unterhalten hat. Der Autor zeigte dem Leser, was das Team um Dr. Morton alles für Möglichkeiten hatte – was aber in die Handlung perfekt eingebettet war und diese mit vorantrieb.
Wer auch nur irgendeine Zuneigung zu Pulp, Heftromanen oder klassischer Männerliteratur hat, kann und sollte bedenkenlos zu den aktuellen Dr. Morton-Bänden greifen. Ansonsten besteht nämlich die Gefahr, dass er eine sehr eigenständige und originelle Serie verpasst. Ich finde es eine Schande, dass die Serie so unter ihrem völlig falschen Image leidet!
Was nehme ich von der Lektüre mit? Wie schon zwischen den Zeilen herauszulesen ist, freue ich mich, die Details über dieses Stück lebender Heftromangeschichte herausgefunden zu haben.
Dennoch möchte ich an dieser Stelle eine Lanze (auch) für die alte Serie bzw. die Ausgaben der Morton-Neuauflage bis Ausgabe 79 brechen: Ich mag es dunkler, abgründiger und härter. Außerdem gefiel mir die kammerspielartige Atmosphäre, die vor allem durch die Interaktionen zwischen Grimsby und Morton geprägt wurde und nicht so sehr auf ein ganzes „Ensemble“ setzte.
Das ist nur eine Geschmacksfrage. Die Serie bietet für jeden Leser etwas: knallharte und durchaus auch gedankenspielartige Abenteuer der ersten Phase der Serie – und temporeiche, gentlemanartige Abenteuer der zweiten Phase. Es wäre nur schade, sich von den falschen Anschuldigungen vom Lesen abhalten zu lassen!